Blog | Wandlung durch Wanderung

Wandlung durch Wanderung

Wandlung durch Wanderung
Gastautor | Dr. Heinz Fuchsig 17. August 2026

Wie Gehen in der Natur Resilienz, Führungskraft
und gesunde Veränderung stärkt

Perspektive eines Arbeits- und Umweltmediziners

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Wandern ist mehr als Bewegung.

Es ist ein einfaches, körpernahes Training für das, was moderne Arbeit und Gesundheit dringend braucht: Orientierung, Anpassungsfähigkeit, Maßhalten und ein verlässliches Miteinander.

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Transformation ist in aller Munde. Die Welt ändert sich schnell, vieles scheint bedroht. In Unternehmen wird Transformation geplant, moderiert und gemessen. Im persönlichen Erleben fühlt sie sich oft weniger geordnet an: Tempo, Unsicherheit und der Druck, Bewährtes festzuhalten, kosten Kraft. Gerade deshalb lohnt der Blick auf eine scheinbar einfache Tätigkeit: Wandern.

Beim Wandern begegnen wir Veränderung unmittelbar. Wetter, Weg, Gelände, Kondition und Gruppendynamik lassen sich nicht vollständig kontrollieren. Man kann sich aber vorbereiten, wahrnehmen, entscheiden, umkehren, neu ausrichten und gemeinsam weitergehen. Genau darin liegt seine Kraft als Resilienztraining.

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Warum wandernde Führungskräfte leichter gehen können

Ich habe als Arbeitsmediziner in vielen Betrieben gute und weniger gute Führung erlebt – perfekte Führung jedoch nie. Chefchen und Diktatoren, Typen wie GärtnerInnen oder BergführerInnen, gelassene Könner (m/w) und andere, die an der Last zugrunde gehen. Führung bedeutet selten, einen geraden Weg abzuarbeiten. Sie bedeutet, unter wechselnden Bedingungen handlungsfähig zu bleiben und andere zu gewinnen statt zu verlieren. Am Berg wird diese Aufgabe konkret: Ziel, Tempo und Risiko müssen immer wieder mit der Leistungsfähigkeit der Gruppe abgeglichen werden.

Gute Führung zeigt sich nicht im Durchdrücken eines Plans, sondern im Wahrnehmen von Grenzen und Potenzialen. Wer gefährliche Wetterzeichen ignoriert, wer Schwächere überfordert oder wer aus Prestige nicht umkehrt, gefährdet die ganze Gruppe und damit die Zielerreichung. Wer Pfadfinder und andere Alltagshelden nicht wertschätzt, schafft mühsame Widerstände. Im Arbeitsalltag ist das nicht anders: Resiliente Führung hält Zielklarheit und Fürsorge zusammen.

Resilienz beginnt mit realistischer Einschätzung

Vor einer Tour stellen sich einfache, aber entscheidende Fragen: Wie stark sind wir heute? Wo sind wir gefährdet? Welche Chancen bietet der Weg? In der Sprache der Organisation wäre das eine nüchterne Standortbestimmung, eine SWOT-Analyse. Am Berg ist sie überlebenspraktisch.

Dazu gehören Ausrüstung, Proviant, Orientierung, Wärmeschutz, Erste Hilfe und die Bereitschaft, nicht allein unterwegs zu sein. Im übertragenen Sinn geht es um feste Werte, tragfähige Beziehungen, ungestörtes Arbeiten und klare Prioritäten. Wer erst dann über Stabilität nachdenkt, wenn er bereits rutscht, ist spät dran.
 

FÜNF Führungsimpulse aus dem Berggehen:

  • Innehalten und ggf. Umkehren kann eine Stärke sein. Resilienz heißt nicht, jedes Ziel um jeden Preis zu erreichen.
  • Reduktion schafft Klarheit. Alles, was man trägt, ist Ressource und Last zugleich.
  • Tempo braucht Maß. Zu viel Geschwindigkeit nimmt Weitblick, Panorama und Zusammenhalt.
  • Vorbereitung ist Fürsorge. Wer für sich und andere Verantwortung trägt, plant Reserven ein.
  • Körperliche, mentale und soziale Resilienz der Teilnehmenden kennen und üben:
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Körperliche Resilienz: natürliche Reize statt Dauerkomfort

Aus arbeitsmedizinischer Sicht ist Wandern ein bemerkenswert vollständiger Reiz: Ausdauer, Kraft, Gleichgewicht, Koordination, Temperaturwechsel, Tageslicht, Rhythmus und Schlaf wirken zusammen. Der Körper wird nicht überfordert, sondern sinnvoll gefordert. Ergonomie im Job heißt, die Arbeit an den Menschen anzupassen und nicht umgekehrt. Arbeitslose werden am fehlenden, sinnerfüllten Training krank!

Bergaufgehen trainiert den Stoffwechsel. Der Körper lernt, Energie ökonomisch bereitzustellen und Fettreserven zu nutzen. Gleichzeitig braucht das Gehirn ausreichend Glukose, um klar zu denken. Wer den berühmten Leistungsknick durch Unterzucker kennt, weiß, wie eng körperliche Versorgung und mentale Leistungsfähigkeit zusammenhängen.

Auch Kälte, Tageslicht, frühes Abendessen auf Hütten und erholsamer Schlaf setzen sinnvolle Reize. Entscheidend ist nicht Askese, sondern ein gesunder Wechsel: Belastung und Erholung, Wärme und Kälte, Essen und Pause, Aktivität und Schlaf.

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Mentale Resilienz: Orientierung, Fokus und Innehalten

Wer wandert, übt den Umgang mit Abweichungen. Ein falscher Weg, ein Wetterumschwung, Müdigkeit oder ein kleiner Sturz beenden nicht automatisch die Tour. Sie verlangen eine neue Entscheidung. Genau diese Fähigkeit brauchen Menschen in komplexen Arbeitswelten: wahrnehmen, bewerten, anpassen, weitergehen.

Flow entsteht dort, wo Ziel, Anstrengung und Können in einem guten Verhältnis stehen. Die Herausforderung darf spürbar sein, aber nicht dauerhaft überfordern. Natur hilft dabei, mental umzuschalten: Gedanken ordnen sich, Perspektiven werden weiter, Dringlichkeiten verlieren ihre Übermacht.

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Soziale Resilienz: Verlässlichkeit wird erlebbar

Gemeinsam unterwegs zu sein, macht soziale Muster sichtbar. Wer wartet? Wer teilt? Wer merkt, dass jemand überfordert ist? Wer spricht Risiken an? Am Berg ist soziale Resilienz kein abstrakter Wert. Sie zeigt sich im Verhalten.

Wenn jemand die Jause vergessen hat, wird geteilt. Wenn jemand stürzt, kommt die Erste Hilfe vom Nächsten. Wenn der Gipfel für die Gruppe heute nicht passt, braucht es den Mut, das Ziel zu ändern. Dieses aktive Anpacken und Nicht-Wegschauen ist auch in Organisationen eine Schlüsselkompetenz.

Meine Learned Lessons aus vielen Wanderungen

Weniger Last, mehr Klarheit

Wer mehrere Tage wandert, lernt schnell: Jedes Ding im Rucksack hat Gewicht. Wie viele Führungskräfte betreiben Mikromanagement oder kreisen ständig um Sorgen, anstatt sie zu lösen? Diese Erfahrung lässt sich auf Arbeit und Leben übertragen: Nicht jede technische Lösung, jedes Meeting, jede zusätzliche Aufgabe und jede alte Gewohnheit macht uns stärker. Resilienz entsteht auch durch Weglassen. Worüber regen die sich eigentlich so auf? Gelassenheit enthält lassen können…

Von der Tour in den Arbeitsalltag

Die wichtigste Frage nach einer Wanderung lautet nicht nur: Was haben wir geschafft? Sondern: Was nehmen wir mit, was lassen wir dort? Vielleicht die Erfahrung, dass weniger oft mehr ist. Dass Teilen Verbindung schafft. Dass der Körper Wechsel braucht, nicht Dauerkomfort. Dass Umkehr kein Scheitern ist. Dass Orientierung immer wieder neu hergestellt werden muss.

Vital und resilient führen

Aus 30 Jahren arbeitsmedizinischer Erfahrung in Betrieben ist für mich klar: Gesunde Führung entscheidet sich im gelebten Umgang mit Belastung, Grenzen und Beziehungen. Genau deshalb eignet sich der Berg als Lernraum.

In Seminaren wie „Vital & Resilient Führen“, können Führungskräfte in Berghotels und Bergnatur körperliche, mentale und soziale Kraftquellen neu erschließen. Gemeinsam unterwegs wird erlebbar, was auch im Unternehmen gilt: Leistung braucht festen Boden, sinnvolle Herausforderung, achtsame Steuerung und Menschen, die sich aufeinander verlassen können.

Schlussgedanke

Viele gute Gedanken habe ich von den Bergen mitgenommen und Schlechtes relativieren können. Da es zu unseren gemeinsamen Hobbys gehört, ist es auch Teil der Work-Life-Balance meiner Frau und mir. Denn Arbeit strengt – wie der Berg – an, macht aber meist Freude und ist ein guter Teil unseres Lebens.

Teil sind wir jedenfalls unserer Gruppen und der Natur, bleiben nur miteinander gesund und mit unserer Natur - und nicht gegen sie. Wir kommen anders zurück, als wir aufgebrochen sind. Wer das alles am Weg erfährt, kann einiges dort lassen und anderes in den Alltag mitnehmen: leichter, klarer und widerstandsfähiger. Weil es uns auf einfache Weise an das Wesentliche erinnert, kann Wandern einiges wandeln.

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Dr. Heinz Fuchsig engagiert sich seit Mitte der Achtzigerjahre in seinem Fachgebiet und ist seit 1996 als Arbeitsmediziner tätig. Seit 2023 arbeitet er überwiegend selbstständig als Vortragender, Trainer, Berater und Gutachter.

In seiner Freizeit widmet er sich mit Begeisterung dem Skitourengehen, Berglaufen und Wandern. Heinz Fuchsig ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.

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