Wandlung durch Wanderung
Transformation ist in aller Munde. Die Welt ändert sich schnell, vieles scheint bedroht. In Unternehmen wird Transformation geplant, moderiert und gemessen. Im persönlichen Erleben fühlt sie sich oft weniger geordnet an: Tempo, Unsicherheit und der Druck, Bewährtes festzuhalten, kosten Kraft. Gerade deshalb lohnt der Blick auf eine scheinbar einfache Tätigkeit: Wandern.
Beim Wandern begegnen wir Veränderung unmittelbar. Wetter, Weg, Gelände, Kondition und Gruppendynamik lassen sich nicht vollständig kontrollieren. Man kann sich aber vorbereiten, wahrnehmen, entscheiden, umkehren, neu ausrichten und gemeinsam weitergehen. Genau darin liegt seine Kraft als Resilienztraining.
Warum wandernde Führungskräfte leichter gehen können
Ich habe als Arbeitsmediziner in vielen Betrieben gute und weniger gute Führung erlebt – perfekte Führung jedoch nie. Chefchen und Diktatoren, Typen wie GärtnerInnen oder BergführerInnen, gelassene Könner (m/w) und andere, die an der Last zugrunde gehen. Führung bedeutet selten, einen geraden Weg abzuarbeiten. Sie bedeutet, unter wechselnden Bedingungen handlungsfähig zu bleiben und andere zu gewinnen statt zu verlieren. Am Berg wird diese Aufgabe konkret: Ziel, Tempo und Risiko müssen immer wieder mit der Leistungsfähigkeit der Gruppe abgeglichen werden.
Gute Führung zeigt sich nicht im Durchdrücken eines Plans, sondern im Wahrnehmen von Grenzen und Potenzialen. Wer gefährliche Wetterzeichen ignoriert, wer Schwächere überfordert oder wer aus Prestige nicht umkehrt, gefährdet die ganze Gruppe und damit die Zielerreichung. Wer Pfadfinder und andere Alltagshelden nicht wertschätzt, schafft mühsame Widerstände. Im Arbeitsalltag ist das nicht anders: Resiliente Führung hält Zielklarheit und Fürsorge zusammen.
Resilienz beginnt mit realistischer Einschätzung
Körperliche Resilienz: natürliche Reize statt Dauerkomfort
Aus arbeitsmedizinischer Sicht ist Wandern ein bemerkenswert vollständiger Reiz: Ausdauer, Kraft, Gleichgewicht, Koordination, Temperaturwechsel, Tageslicht, Rhythmus und Schlaf wirken zusammen. Der Körper wird nicht überfordert, sondern sinnvoll gefordert. Ergonomie im Job heißt, die Arbeit an den Menschen anzupassen und nicht umgekehrt. Arbeitslose werden am fehlenden, sinnerfüllten Training krank!
Bergaufgehen trainiert den Stoffwechsel. Der Körper lernt, Energie ökonomisch bereitzustellen und Fettreserven zu nutzen. Gleichzeitig braucht das Gehirn ausreichend Glukose, um klar zu denken. Wer den berühmten Leistungsknick durch Unterzucker kennt, weiß, wie eng körperliche Versorgung und mentale Leistungsfähigkeit zusammenhängen.
Auch Kälte, Tageslicht, frühes Abendessen auf Hütten und erholsamer Schlaf setzen sinnvolle Reize. Entscheidend ist nicht Askese, sondern ein gesunder Wechsel: Belastung und Erholung, Wärme und Kälte, Essen und Pause, Aktivität und Schlaf.
Mentale Resilienz: Orientierung, Fokus und Innehalten
Wer wandert, übt den Umgang mit Abweichungen. Ein falscher Weg, ein Wetterumschwung, Müdigkeit oder ein kleiner Sturz beenden nicht automatisch die Tour. Sie verlangen eine neue Entscheidung. Genau diese Fähigkeit brauchen Menschen in komplexen Arbeitswelten: wahrnehmen, bewerten, anpassen, weitergehen.
Flow entsteht dort, wo Ziel, Anstrengung und Können in einem guten Verhältnis stehen. Die Herausforderung darf spürbar sein, aber nicht dauerhaft überfordern. Natur hilft dabei, mental umzuschalten: Gedanken ordnen sich, Perspektiven werden weiter, Dringlichkeiten verlieren ihre Übermacht.
Soziale Resilienz: Verlässlichkeit wird erlebbar
Gemeinsam unterwegs zu sein, macht soziale Muster sichtbar. Wer wartet? Wer teilt? Wer merkt, dass jemand überfordert ist? Wer spricht Risiken an? Am Berg ist soziale Resilienz kein abstrakter Wert. Sie zeigt sich im Verhalten.
Wenn jemand die Jause vergessen hat, wird geteilt. Wenn jemand stürzt, kommt die Erste Hilfe vom Nächsten. Wenn der Gipfel für die Gruppe heute nicht passt, braucht es den Mut, das Ziel zu ändern. Dieses aktive Anpacken und Nicht-Wegschauen ist auch in Organisationen eine Schlüsselkompetenz.
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